| Der Bus bleibt bald vor einer Marktstraße im Zentrum stehen. Wir huschen schnell zwischen den Ständen hindurch, hinter ihnen öffnet sich die Perspektive auf einen großen Platz, wir sind an der Kirche Santo Domingo. Ein Barockbau natürlich. Wie nahezu alle Kirchen, die wir in Mexiko besichtigen. Die Conquista fiel halt auf die Zeit des Barocks in Spanien, und die Missionare haben die europäischen Ästhetiknormen importiert, ohne an die vorgefundene Architektur anzuknüpfen. Der einstige Kulturkampf erzwang allerdings oft Fassaden, die einer mittelalterlichen Wehrburg ähneln. Auch Santo Domingo besitzt ein klassisch geschmücktes Portal, aber die flankierenden Türme und die breiten Flügel des Bauwerks sehen wie eine 'klassische Gefängnismauer' aus. Isabel beginnt mit dem Vortrag. Obwohl schon halb sechs ist es immer noch angenehm sonnig. Schön ist es hier, ziemlich beschaulich, auch wenn am Platz ein recht buntes Treiben mit den ersten Zügen des Tagesausklangs herrscht. Bis auf unser Grüppchen sind nur Einheimische zu sehen. Manche halten sich hier nach dem Kirchenbesuch auf, andere warten erst darauf. Es gibt auch welche, die auf ihrem Nachhauseweg jemanden getroffen haben und eine Weile plaudern - mit Einkaufstaschen zu ihren Füßen und herumtollenden Kindern. Jugendliche Pärchen. Ein paar Greise. Direkt vor dem Kirchenportal steht ein Brautpaar, umgeben von Verwand-ten und Gästen. Ich rücke näher, um mir das weiße Kleid anzusehen. Könnte von Pronuptia de Paris sein; aus der üppigen Glocke des Rockes ragt ein eng geschnürter Kelch, der auf halber Höhe der stolz gewölbten Brust endet. Ich dachte, es würde sich hierzulande nicht ziemen, so entblößt in die Kirche zu gehen. Sinnlichkeit pur, herrlich zum Ansehen, aber so viel heißen Sex-Appeals direkt vorm Altar? | |